
20.03.2026 - Friedas Text für den Schreibwettbewerb
#MachtText: Der Gewinnertext in der Kategorie 7. bis 9. Klasse
Die vierte Auflage des Schreibwettbewerbs für Schülerinnen und Schüler #MachtText von Göttinger Tageblatt und Literarischem Zentrum Göttingen stand unter dem Thema „Ein Tag, der alles veränderte“. Wir stellen die Beiträge der Gewinnerinnen und Gewinner vor. In der Kategorie 7. bis 9. Klasse siegte Frieda Staufenbiel.
Göttingen. Von einem gewöhnlichen Tag, der sich besonders entwickelt und alles verändert, erzählt die Geschichte von Frieda Staufenbiel.
Der Morgen begann mit einem Geräusch, das Jonas hasste: dem schrillen Klingeln seines Weckers. Er tastete verschlafen nach dem Handy und schaltete es aus, noch bevor der Ton richtig in seinem Kopf ankommen konnte. Einen Moment lang blieb er liegen und starrte an die Decke seines Zimmers. Nichts Besonderes wartete auf ihn. Das wusste er. Beim Frühstück war es still. Seine Eltern waren schon zur Arbeit gegangen, wie fast jeden Tag. Jonas trank seinen Tee, zog seine Jacke an und verließ das Haus.
Die Straße war grau, der Himmel wolkenverhangen. Es fühlte sich an wie ein Tag unter vielen – austauschbar, vorhersehbar. In der Schule angekommen, ging Jonas wie immer schnellen Schrittes durch den Flur. Er wollte nicht auffallen, nicht angesprochen werden, einfach nur seinen Platz erreichen. Er setzte sich in die letzte Reihe, ganz außen, wo er alles sehen konnte, ohne selbst gesehen zu werden. So mochte er es. Während der Stunden hörte er zu, schrieb mit, dachte aber oft an andere Dinge. An die Zeit, die langsam verging. An das Klingeln, das ihn wieder entlassen würde. Zwischendurch fiel sein Blick immer wieder nach vorne – dorthin, wo Mia saß. Mia war anders als alle anderen. Nicht nur, weil sie schön war oder weil alle sie mochten. Sie wirkte, als würde sie genau wissen, wer sie war. Sie lachte viel, sprach mit jedem, und wenn sie den Raum betrat, schien sich alles ein wenig zu verändern. Jonas hatte nie gedacht, dass sie ihn überhaupt wahrnahm.
In der großen Pause ging Jonas wie immer nach draußen und setzte sich auf „seine“ Bank, etwas abseits vom Trubel. Um ihn herum standen Grüppchen, es wurde gelacht, geredet, diskutiert. Jonas zog sein Handy hervor, scrollte gedankenlos durch Nachrichten, ohne wirklich zu lesen. Dann bemerkte er, dass jemand vor ihm stehen geblieben war. „Hey.“ Die Stimme war ruhig, freundlich. Jonas sah auf – und sein Herz machte einen Sprung. Mia stand vor ihm. Allein. „Du bist doch Jonas, oder?“, fragte sie. Er brauchte einen Moment, um zu reagieren. „Ähm … ja.“ Sie lächelte. „Gut. Ich wollte dich schon länger ansprechen.“ Jonas blinzelte. Schon länger? „Mich?“ Mia nickte und setzte sich neben ihn auf die Bank, als wäre das das Normalste auf der Welt. „Ja. Du bist irgendwie immer hier. Du wirkst ruhig. Anders.“ Jonas wusste nicht, wohin mit seinen Händen. „Anders ist nicht immer gut.“ „Doch“, sagte sie ohne zu zögern. „Manchmal schon.“ Für einen kurzen Moment sagte keiner von beiden etwas. Jonas hörte sein eigenes Herz klopfen und fragte sich, ob das hier wirklich passierte oder ob er gleich aufwachen würde. „Ich wollte dich was fragen“, sagte Mia schließlich. „Wenn du Lust hast.“ Jonas nickte vorsichtig. „Nach der Schule … würdest du mit mir ein Eis essen gehen? Nur wir zwei.“ Die Worte brauchten einen Moment, um bei ihm anzukommen. Eis. Mit ihr. Nach der Schule. „Ich… ja“, sagte er leise. „Gern.“ Mia lächelte breiter. „Super. Dann sehen wir uns nach der letzten Stunde am Schultor?“ „Okay.“ Als sie aufstand und zurück zu ihren Freunden ging, blieb Jonas noch eine Weile sitzen. Alles um ihn herum wirkte plötzlich gedämpft, als hätte jemand die Welt leiser gestellt. Er konnte kaum glauben, was gerade passiert war.
Der restliche Schultag zog sich endlos. Jonas hörte kaum zu, starrte immer wieder auf die Uhr und fragte sich, ob er irgendetwas falsch machen würde. Ob er genug zu sagen hätte. Ob es peinlich werden könnte. Nach der letzten Stunde stand er nervös am Schultor. Er überlegte kurz, einfach nach Hause zu gehen – aus Angst. Doch dann sah er Mia, wie sie auf ihn zukam. „Bereit?“, fragte sie. Sie gingen nebeneinanderher, zuerst schweigend. Dann erzählte Mia von ihrem Lieblingseis, von ihrer kleinen Schwester, von der Musik, die sie hörte. Jonas hörte zu, antwortete, lachte sogar. Es fühlte sich nicht gezwungen an. Es fühlte sich leicht an. Beim Eisladen setzten sie sich draußen an einen kleinen Tisch. Die Sonne kam kurz hinter den Wolken hervor. „Weißt du“, sagte Mia, „die meisten denken, beliebt sein heißt, nie allein zu sein. Aber manchmal fühlt man sich trotzdem unsichtbar.“ Jonas sah sie überrascht an. „Das hätte ich nicht gedacht.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Man kennt die Leute, aber nicht immer sich selbst.“ Jonas dachte darüber nach. Vielleicht waren sie sich ähnlicher, als er geglaubt hatte.
Als sie sich später verabschiedeten, fühlte sich Jonas anders. Größer. Sicherer. Nicht, weil alles perfekt war – sondern weil er verstanden hatte, dass sich Dinge ändern konnten. Auf dem Heimweg ging er langsam. Die Straßen waren dieselben, der Himmel auch. Doch etwas in ihm hatte sich verschoben. Es war kein besonderer Tag gewesen. Und doch war es der Tag, der alles veränderte.








