2007 - Daniel Klinge und Philip Seibt schreiben für die FAZ ...

Süßer die Kassen nie klingen

Im Dezember läuten nicht nur die Glöckchen. Es klingelt auch in den Geldbeuteln der Händler auf den
Weihnachtsmärkten. Laut der Deutschen Zentrale für Tourismus besuchen in jedem Jahr rund 160 Millionen Menschen die mehr als 2500 Weihnachtsmärkte in Deutschland. Veranstalter, Händler und Aussteller betreiben einen großen Aufwand, um die Besucher anzulocken: ein 857 Quadratmeter großer Adventskalender in Leipzig, die mit 14 Metern weltgrößte Weihnachtspyramide sowie der drei Tonnen schwere Christstollen in Dresden und der mit 45 Metern größte Weihnachtsbaum der Welt in Dortmund. Das Geschäft ist ertragreich. Einer Studie des Bundesverbandes Deutscher Schausteller und Marktkaufleute zufolge belaufen sich die Gesamtumsätze von Markthändlern, Gastronomie, Hotellerie, Verkehrsunternehmen sowie angrenzenden touristischen Leistungsträgern auf schätzungsweise 4,85 Milliarden Euro.
Auf vielen Weihnachtsmärkten sind die Händler schon seit Generationen mit ihren Ständen vertreten. Das Geschäft ist für viele überlebenswichtig: „Es kommt vor, dass einzelne fahrende Händler über ein ganzes Jahr hinweg Schulden machen,denn äußere Einflüsse wie das Wetter bestimmen den Umsatz maßgeblich. Diese Schulden können dann nur mit dem im Weihnachtsgeschäft verdienten Geld wieder zurückgezahlt werden", sagt Margret Bodem, Vorsitzende des Vereins Göttinger Weihnachtsmarkt.

Die Gebühren, die ein Händler auf dem Göttinger Weihnachtsmarkt bezahlen muss, belaufen sich für einen Verkaufsstand je Meter zwischen 2,62 und 5,24 Euro am Tag. Ist die Verkaufsfront länger als fünf Meter, bezahlt er für einen reinen Imbiss- oder Schankbetrieb bis zu 13,09 Euro je Meter; auf dem Göttinger Ostermarkt betragen die Gebühren maximal die Hälfte. Auf anderen Weihnachtsmärkten vergleichbarer Größe sind die Gebühren ähnlich. Je nach Art des Verkaufsstands, Kunsthandwerker oder Gastronomie, können die Standplatzkosten bis zu 7500 Euro betragen.
Auf dem Christkindlesmarkt in Nürnberg sind die Kosten um einiges höher. Hier werden je Meter Verkaufsfront zwischen 2,95 und 18,60 Euro am Tag bezahlt. Für einen Glühweinstand mit 10 Meter Verkaufsfront würde sich die Standgebühr in Göttingen bei einer Marktdauer von 28 Tagen auf etwa 3660 Euro addieren. Auf dem Christkindlesmarkt würde den Händler ein solcher Stand rund 5200 Euro kosten. Hinzu kämen für den Nürnberger Händler bis zu 2000 Euro für die Miete einer städtischen Bude. Zusätzlich fallen dann noch Ausgaben für Strom, Waren und eventuell Müllbeseitigung an.
Bezüglich konkreter Umsatzzahlen oder Gewinne, die auf einem Weihnachtsmarkt erzielt werden können, halten sich die Händler bedeckt. Bei einem aber sind sich alle einig: „Der Weihnachtsmarkt ist das beste Geschäft des Jahres." Laut Thomas Holbein vom Ordnungsamt Göttingen „versuchen deswegen jedes Jahr wieder viele neue Bewerber, einen Platz auf den räumlich begrenzten Weihnachtsmärkten zu bekommen". Dies kann dann zu Ärger mit den Schaustellerfamilien führen, die den Weihnachtsmarkt seit Generationen mit aufgebaut haben und die dann keinen Platz mehr bekommen. Die Erfahrung zeigt, dass auf Weihnachtsmärkten Bewährtes oft viel besser ankommt als Neuerungen. Die Menschen möchten ihre Stammverkaufsstände jedes Jahr dort wiederfinden, wo sie auch im Vorjahr standen. „Es kam beispielsweise vor, dass ein Bratwurstverkäufer seinen Platz mit einem Eckplatz tauschte, der erfahrungsgemäß ertragreicher ist. Die unerwartete Folge war jedoch, dass er fast 20 Prozent seines Umsatzes einbüßen musste. Im Nachhinein fragten ihn Kunden, warum er in jenem Jahr nicht auf dem Markt vertreten war", berichtet Holbein.
Je nach Größe stellen viele Weihnachtsmärkte die wirtschaftlich bedeutendsten Ereignisse im Rahmen der städtischen Veranstaltungskalender dar. Laut einer Studie des Geographischen Instituts der Universität Göttingen „begründet sich das beträchtliche regionalwirtschaftliche Potential des Weihnachtsmarktes in Göttingen durch hohe Besucherzahlen (400000 bis 500000) und hohe Direktumsätze (2,4 bis 3 Millionen Euro)". Derartige Weihnachtsmärkte locken vor allem Einheimische und Bewohner aus der Umgebung an. Der Christkindlesmarkt in Nürnberg hingegen kann zwei Millionen Besucher vorweisen und ist über die Region hinaus von großer wirtschaftlicher Bedeutung.

Ein gutes Geschäft in der Weihnachtszeit machen auch Taschendiebe und andere Kleinkriminelle. „In der Vorweihnachtszeit kommen Umstände hinzu, die es den Tätern oftmals sehr einfach machen, an begehrtes Diebesgut heranzukommen", sagt Jürgen Spuddig, Leiter der Innenstadtwache der Polizei Göttingen. Hierzu gehörten vor allem die Dunkelheit, abgelegte oder geöffnete Handtaschen, Ablenkung beim Bummeln oder das Abheben höherer Geldbeträge. Die Polizei reagiert mit „erhöhter polizeilicher Präsenz, insbesondere durch die verstärkte Anzahl von Fußstreifen und Aufklärung der Bürger durch Flyer: ‚Sei schlauer als der Klauer'".

Daniel Klinge

Treffpunkt Marktwirtschaft:Wochenmärkte setzen auf ihre Stärken: Frische, Vielfalt, Kommunikationsforum

Der Atem scheint in der Luft zu gefrieren, wenn die Beschicker des Göttinger Wochenmarkts frühmorgens ihre Stände aufbauen. Dreimal in der Woche führen sie einen Kampf, der schon verloren scheint: den Kampf von David gegen Goliath, den Kampf gegen die Supermärkte. Die sind sechs Tage die Woche geöffnet und locken mit oft deutlich niedrigeren Preisen.
„Der Umsatz der Marktbeschicker ist in den vergangenen sechs Jahren um zirka 30 Prozent eingebrochen", erklärt Wilfried Thal, Bundesvorsitzender des Fachbereichs Wochenmarkthandel des Bundesverbands Deutscher Schausteller und Marktkaufleute. Zwar sei beim Verbraucher langsam ein Umdenken erkennbar, was die Herkunft der Waren betrifft, doch veränderte Ladenschlusszeiten seien ein großes Problem. Thal erläutert: „Der Wochenmarkt öffnet um acht Uhr. Vor einigen Jahren war um diese Uhrzeit der Marktplatz voll, heute kommen die meisten Käufer erst um 10 Uhr, wenn sie sicher sein können, dass alle Geschäfte geöffnet haben." Daneben bedeuteten politische Beschlüsse wie höhere Marktgebühren oder die Notwendigkeit eines digitalen Fahrtenschreibers große finanzielle Belastungen, besonders für kleinere Betriebe.
Der Marktanteil des Wochenmarkts am Frischobst- und Frischgemüseverkauf lag nach einer Studie der Gesellschaft für Konsumforschung im Jahre 2005 deutschlandweit bei 4,7 Prozent für Gemüse und 4,5 Prozent für Obst. 2003 waren es noch rund 5 Prozent. Aldi alleine erreicht mehr als 20 Prozent.
Die Anbieter des Göttinger Wochenmarkts haben dieses Problem schon vor acht Jahren erkannt. Sie gründeten die Interessengemeinschaft Göttinger Wochenmarkt. Mit einem jährlichen Kapital von 5000 Euro versuchen sie seitdem auf die Institution Wochenmarkt aufmerksam zu machen. Das Geld kommt von den Standbesitzern, die neben der üblichen Marktgebühr von 1,59 Euro je Frontmeter Verkaufsstand zusätzlich 10 Cent an die IG Göttinger Wochenmarkt zahlen. Eberhard Prunzel-Ulrich, Vorsitzender dieses Vereins, ist die Lage des Wochenmarkts wohl bewusst: „Wenn wir uns nur an Produkten und Preisen messen, haben wir keine Chance." Man müsse dem Kunden einen Zusatznutzen bieten. Hierzu zähle, dass der Wochenmarkt für viele Leute immer noch ein Treffpunkt sei. Prunzel-Ulrich zufolge gibt es weitere Gründe, warum die Kunden auf dem Wochenmarkt einkaufen: Erstens sei die Frische der Waren unübertroffen, da ein Großteil aus der Region komme. Auch die Produkte, die nicht lokal verfügbar sind, seien frischer, da der Wochenmarkt einen höheren Warendurchsatz habe, die Ware also nicht so lange herumliege wie im Supermarkt. Zweitens habe der Verbraucher die Wahl zwischen vielen verschiedenen Anbietern und könne sich oftmals auch mit diesen identifizieren. Schließlich seien viele Erzeuger schon seit Jahren im Geschäft, man habe den Fachmann als Verkäufer. „Ich komme besonders wegen der Qualität des Gemüses", sagt Marktbesucherin Nina Jansen. „Außerdem ist die Auswahl hier größer als im Supermarkt, die Atmosphäre ist netter, und wenn man häufiger kommt, kennt man die Verkäufer."
Diese Aussagen werden von der Universität Göttingen bestätigt. Einer Untersuchung aus dem Jahr 2001 zufolge sind außerdem viele Besucher Stammkunden: 45 Prozent der Befragten gaben an, regelmäßig einmal wöchentlich auf dem Marktplatz einzukaufen.

In den SB-Abteilungen der großen Einkaufsketten ist der Fachverkäufer eine Wunschvorstellung. Es muss ihn auch gar nicht geben, denn die Wochenmärkte sind für sie keine Konkurrenz. Nach Angaben der Real SB-Warenhaus GmbH kaufen 40 Prozent der Kunden bei ihrem Einkauf auch Obst oder Gemüse. Für die Zukunft sieht man in diesem Geschäftsbereich sogar Wachstumsmöglichkeiten mit „neuen, attraktiven Produkten". Für den Verbraucher stehe aber zunächst ein günstiger Preis im Vordergrund. Dies sieht Prunzel-Ulrich anders. Neben den Leuten, die ihr Gemüse vor allem billig kaufen möchten, gebe es immer mehr Menschen, die bereit seien, für bessere Qualität mehr Geld auszugeben. Dies sei die Zielgruppe, die ein Wochenmarkt ansprechen müsse.
Auf Wochenmärkten sind auch Bioprodukte besonders gefragt. Die Kunden nehmen dabei laut der Zentrale Markt- und Preisberichtstelle (ZMP) für landwirtschaftliche Erzeugnisse einen Preisunterschied von 53 Prozent bei Gemüse und bis zu 109 Prozent bei Eiern in Kauf. Die Bereitschaft, mehr Geld für Essen auszugeben, ist – zumindest bei Göttinger Käufern – vor allem in älteren Bevölkerungsschichten vorhanden. Der Universität Göttingen zufolge sind es jedenfalls vor allem jene, die auf dem Wochenmarkt einkaufen. Mit Werbung, Zeitungen und mehreren Marktfesten im Jahr versucht die IG Göttinger Wochenmarkt, auch jüngere Leute auf den Marktplatz zu locken und seine Überlebenschance als Treffpunkt und Kommunikationsbörse zu bewahren.

Philipp Seibt