Das Erwachen aus dem Taliban-Koma

Mit Ehrgeiz und Leidenschaft arbeiten die afghanischen Geschäftsleute am Wiederaufbau ihres Lande.

Der Raum ist winzig. Die rosafarbene Tapete ist zu größten Teilen mit indischen Kinoplakaten bedeckt. In einer Ecke steht ein Schreibtisch - einziges sichtbares Arbeitsgerät: ein einsames Telefon. Das Büro des Kinodirektors Mohammad Refi, eines ungefähr vierzigjährigen Mannes mit Golduhr, gepflegtem Oberlippenbart und energisch hochgeschlagen Jackettärmeln, mag auf einen Europäer, wie fast alles hier, befremdlich wirken. Etwas Besonderes ist es dennoch. Schon fünf Tage nach der Vertreibung der Taliban aus Kabul, am 13.November 2001, hat das Kino Neueröffnung feiern können. Es ist das erste Kino in Kabul gewesen, daß nach fast sechs Jahren der Zwangsschließung wieder gespielt hat.
Nachdem der obligatorische Tee serviert und Refi in seinem Sessel Platz genommen hat, beginnt er zu erzählen: Nachdem die Taliban 1996 das Islamische Emirat Afghanistan ausgerufen hatten, sah er sich gezwungen nach Pakistan auszuwandern, da die Gotteskrieger Menschen wie ihn nur selten auf freiem Fuß gelassen hätten. "Menschen wie ihn", damit seien all jene gemeint gewesen, die im Kunst-, Kino- oder Musik-Geschäft gearbeitet hätten und somit, nach Auffassung der Taliban, dazu beigetragen hätten westliches Teufelszeug unter die Bevölkerung zu sähen. Als Folge seien ihre Gewerbezweige kurzerhand verboten worden.
Ein Jahr vor der Befreiung Afghanistans, berichtet Refi, sei er dann trotz der Gefahren in seine Heimat zurückgekehrt, wo er sich mit kleineren Straßengeschäften habe durchschlagen müssen. Als das Kino dann neu eröffnet worden sei, habe man sofort große Teile der alten Belegschaft wieder zusammenziehen können. Es habe viel zu tun gegeben: Das Kino sei immerhin sechs Jahre lang nicht in Betrieb gewesen, es sei zudem noch von einer Rakete getroffen worden. Aber man habe alles selbst wieder aufgebaut, aus eigener Tasche verstehe sich.
Refis Augen leuchten während er erzählt und dabei ausgiebig mit seinen Händen gestikuliert. Die zehn Mitarbeiter, die sich ebenfalls zu dem Interview eingefunden haben, nicken zustimmend. Die Reaktion der Bevölkerung sei überwältigend gewesen. "Wie fühlt man sich nach sechs Jahren?", fragt Refi. "Sechs Jahre lang durften die Afghanen keine Musik hören, Filme waren eine noch viel größere Sünde. Hier gibt und gab es schon immer die besten Vorführungen, daher gilt unser Kino für die Leute auch als der beste Zeitvertreib, den man sich wünschen kann."
Gezeigt werden täglich drei Vorstellungen. Die Preise liegen zwischen 3000 und 5000 Afghani (ein Dollar entspricht rund 30 000 Afghani), wobei das durchschnittliche Einkommen je Kopf ungefähr 250 Dollar im Jahr beträgt. Jeder der 600 Sitzplätze sei bei jeder Vorstellung ausverkauft. Ursprünglich hat es in Kabul 17 Kinos gegeben, von denen heute jedoch nur fünf übrig geblieben sind.
Abschließend ergreift ein älterer Herr das Wort. Aus dem aufgeknüpften Hemd funkelt ein schweres Goldkettchen. Der Name des Mannes ist Seyed Akim. Er ist der Filmorganisator, Verwalter und Zensor des Kinos. Er wolle nur sagen, daß das afghanische Volk schon immer ein großer Liebhaber der Kunst, vor allem der Filmkunst, gewesen sei. Er bittet daher darum, in seinem Namen an die deutschen Leser zu appellieren: "Wir Afghanen leben für die Künste."
Es folgt eine Fahrt durch Kabuls neue Geschäftsstraßen, in denen man vom CD-, DVD- und V-CD-Player bis hin zur Mikrowelle faktisch jedes technische Gerät kaufen kann. All diese Güter, die unter den Taliban als "zu westlich" und "gegen Gott" angesehen worden und somit verboten waren, füllen nun die Regale der Geschäfte. Die Nachfrage ist groß; nach sechs Jahren der Entbehrung gibt es ein unglaubliches Bedürfnis nach Musik und elektronischen Spielereien.
Dann ein Szenenwechsel - in einem kleinen Laden hängen Portrait-Fotos von meist uniformierten Männern im besten Alter. Es ist ein Fotogeschäft. Der Besitzer - ein augenscheinlich gewitzter Geschäftsmann mit einem großen Goldring am Finger und noch größeren hellwachen Augen - heißt Mohammed Ashraff. Sein Geschäft betreibt er zusammen mit zwei Partnern: mit einem Seleh Mohammad und einem Mohammad Deud. Auch er hatte wirtschaftlich, wie auch privat, unter dem Schreckensregime der Taliban zu leiden. Zwar sei es auch unter den Taliban, jedenfalls zeitweise, erlaubt gewesen, Männer bis zur Brust zu portraitieren, doch habe man damit keine Familie ernähren können.
" Meine Familie und ich haben so nur viermal in der Woche essen können. Da habe ich den Laden vermietet. Er ist dann als Apotheke genutzt worden. Um irgendwie zu überleben habe ich dann meist heimlich fotografiert, sogar Frauen - stets im Verborgenen und unter Lebensgefahr. Aber durch Nichts-Tun kann man nur schwer die Familie ernähren. Ich hatte also keine Alternative. Seit dreißig Jahren mache ich Fotos, das habe ich gelernt und darin bin ich nicht zu übertreffen."
Nach dem Sturz der Taliban habe er sofort Kontakt mit einem Großhändler aus Pakistan aufgenommen und nach langem wieder Filme und ähnliches bestellt. Es gab eine enorme Nachfrage nach Bildern; jeder wollte sich mit seiner Familie ablichten lassen. Ich gebe es zu, die Geschäfte laufen sehr gut.
Ashraff lacht dabei und erklärt, welche Ziele er nun, da die Zeiten wieder besser seien, verwirklichen wolle. Zunächst müsse das Geschäft vergrößert werden, dann werde der Aufstieg zum größten Fotogeschäft Kabuls folgen, wobei er Wert auf den Hinweis legt: "Wissen Sie, es ist mir sehr wichtig, daß Sie erfahren, daß ich mich selbst nicht als Fotographen, sondern in erster Linie als Künstler betrachte. Fotografie ist Kunst und da wir Afghanen die Künste lieben, lieben wir auch die Fotografie."
Ein Europäer wird sich sicher wundern, wie begeistert sich  Menschen in Afghanistan auf Fotos und Kinofilme stürzen, als gäbe es nichts Faszinierenderes auf der Welt. Das Nachholbedürfnis innerhalb der Bevölkerung ist groß. Nach sechs Jahren erzwungener Schließung sind Geschäfte dieser Art heute die "new economy" Kabuls. Der Ehrgeiz und Eifer, die Leidenschaft mit der diese Geschäftsleute ihre Läden wiederöffnet haben, läßt auf eine wirtschaftliche Stabilisierung Afghanistans hoffen. Ein jeder möchte am Wiederaufbau des eigenen Landes teilhaben und ist bereit, dafür hart zu arbeiten. Viele wittern ihre große Chance in einem Land, in dem Nachfrage nach praktisch allem herrscht. Mit der richtigen Unterstützung aus dem Ausland ist die Hoffnung auf eine dauerhafte Erholung der afghanischen Wirtschaft durchaus berechtigt.
Doch wie ist es um die finanzielle Hilfe gut ein Jahr nach der ersten Petersberg-Konferenz bestellt? Von den im Januar 2001 in Tokio zugesagten 5,1 Milliarden Euro sind erst 1,7 Milliarden Euro geflossen. Die Folgen sind sichtbar: Allein 2002 klafft im afghanischen Haushalt eine Lücke von 340 Millionen Dollar. In die Provinzen fließt entweder keine oder nur spärliche Wiederaufbauhilfe, woran vor allem die prekäre Sicherheitslage Schuld ist. Doch es gibt auch Positives zu berichten. So hat Deutschland den Afghanen nicht 80 sondern knapp 125 Millionen Euro Hilfsgelder zukommen lassen. "Blühende Landschaften" findet man in Afghanistan allenfalls in ländlichen Regionen, wo nach Aussagen des Suchtstoffkontrollrates der Anbau von Schlafmohn seit dem Sturz der Taliban wieder zugenommen hat.

Patrick Tabatabai