12.02.2014

„Doppelter Wortbruch“
Gymnasiallehrer sind „zutiefst enttäuscht“ und mobilisieren erstmals fast alle Schulen in Südniedersachsen
 

Göttingen. „Ja, wir sind platt, erschrocken, zutiefst enttäuscht – und hilflos." Die Lehrerin und Personalrätin Elke Moeken macht keinen Hel daraus, wie es ihr und ihren Kollegen an den Gymnasien geht. Die Stimmung ist auf dem Tiefpunkt, nicht nur im Schulalltag. Sie fühlen sich betrogen und mit Füßen getreten, das ist auch an diesem Montagabend in der Aula des Felix-Klein-Gymnasiums (FKG) zu spüren. Es ist der erste „südniedersächsische Elternabend", den die Personalräte von zwölf Gymnasien zwischen Einbeck, Herzberg und Hann. Münden organisieren. Es ist das erste Mal, dass sich alle Gymnasien der Region zusammenschließen. Ihr Zorn und ihre Enttäuschung richtet sich vor allem gegen ihren Arbeitgeber: das Land Niedersachsen, voran Kultusministerin Frauke Heiligenstadt (SPD).

Das Land will Stundenermäßigungen für ältere Lehrer an allen Schulen – nicht nur an Gymnasien – streichen. Zudem sollen die Gymnasiallehrer pro Woche eine Unterrichtsstunde mehr leisten – plus Vor- und Nacharbeitszeit. Damit will Niedersachsen Verbesserungen in anderen Bildungsbereichen finanzieren. Die Gymnasiallehrer aber sehen in diesem Weg „für eine eigentlich gute Sache" einen doppelten Wortbruch: Zehn Jahre hätten sie ohne Gehaltsaufschlag mehr gearbeitet, um Schülerberge aufzufangen. Damals habe ebenfalls eine SPD-dominierte Landesregierung „versichert", dass es in der Ausgleichsphase keine Arbeitszeiterhöhung geben werde. Auch die Alterszeitermäßigung sollte laut „Deal" nur vorübergehend ausgesetzt werden.

Es ist für die Lehrer ein „Wortbruch mit gravierenden Folgen". Abitur nach zwölf Jahren und immer mehr sozialpädagogische Aufgaben würden schon jetzt dazu führen, dass die Lehrer am Limit ihrer Kräfte arbeiteten. Noch mehr Arbeit gehe an die gesundheitliche Substanz. Unter diesen Bedingungen sei „gute Bildung in guten Schulen" nicht möglich. Das ist seit Monaten bekannt. Lehrer, Schulleiter, Personalvertreter und Eltern haben Briefe an das Kultusministerium geschrieben. Es gab Aktionen, Schüler haben demonstriert und Zeitungen berichtet – auch über den angekündigten Klassenfahrten-Boykott an Gymnasien. Trotzdem ist die Rückendeckung von Eltern und Politikern bisher gering.

Auch zum großen „Elternabend" sind nur 60 Besucher gekommen – viele Lehrer und gewählte Elternvertereter. Die Gymnasialzweige an den Berufsschulen haben die Personalräte bisher nicht einbezogen. Und „die Gesamtschulen halten sich erstaunlich bedeckt", klagt ein Personalrat. Auch das frustriert die Lehrer. Vorwürfe von Eltern, dass ihre Briefe und Protestschreiben oft überladen und unverständlich seien und sich die Lehrer mit dem Klassenfahrten-Streik „ins eigene Fleisch schneiden könnten", nicht weniger.

„Wir brauchen eine bessere Kommunikation", sagt eine Elternvertreterin. „Und griffigere, marktschreierische Aktionen", fügen andere an. Ein Appell, der nach zwei Stunden Klagen – auch über die Medien – Früchte trägt. Streiks, Kontakte zu den Schulpartnern in der Wirtschaft und weitere Aktionen „um die Massen zu mobilisieren" werden angerissen. Konkrete Ideen wollen die Personalräte mit Eltern am 4. März um 19 Uhr im FKG diskutieren – im „kleineren Kreis".