17.11.2010


Zusammengewachsen ist der Doppel-Jahrgang "nur teilweise"
(...) Im Doppel-Jahrgang selbst ist die Angst vor den Abi-Prüfungen offenbar gar nicht so groß und die Stimmung trotz zusammengewürfelter G8- und G9-Schüler gelöst. „Wir wurden eigentlich gut aufs Abi vorbereitet", sagt Franziska Helmsen, Sprecherin des Abiturjahrgangs am Felix-Klein-Gymnasium. Nur im ersten gemeinsamen Halbjahr habe es noch leichte Leistungsunterschiede gegeben. „Inzwischen sind die G8-Schüler teilweise besser als wir", bestätigt die Oberstufenschülerin aus der letzten Gruppe mit 13 Schuljahren. Die größte Sorge im Doppel-Jahrgang sei die Frage, ob man im Anschluss einen Studien- oder Ausbildungsplatz bekomme. Dadurch herrsche bei Schülern, die ein Numerus-Clausus-Fach wie Medizin studieren wollen, „auch Konkurrenzdenken um bessere Noten". Um der Enge an den Unis auszuweichen, würden einige bewusst erst einmal etwas anderes machen. Zusammengewachsen seien die beiden Jahrgänge nur teilweise. Das sei auch schwer bei einer Altersspanne von 16 bis 22 im Doppel-Jahrgang ihrer Schule. Selbst als Jahrgangssprecherin kenne sie von fast 300 Mitschülern nicht alle Namen. In den Pausen „gibt es doch oft noch getrennte Gruppen", und abends könnten die meist noch minderjährigen G8-Schüler nicht mit in Kneipen oder Discos kommen.

Eltern fürchten ungleiche Prüfungschancen
Selten haben sich in Niedersachsen Eltern und Elternverbände so stark engagiert wie im Zuge der verkürzten Schulzeit auf zwölf Jahre bis zum Abitur. Sie lassen kaum ein gutes Haar an der Reform. Dabei ist das Protestlager kaum merklich geteilt:
Ein Teil würde das Lernpensum gerne wieder auf 13 Schuljahre verteilen. Die zweite Gruppe ist mit Blick auf den Europa-Vergleich für G8 und Abi nach zwölf  Jahren, kämpft aber um eine deutliche Reduzierung der Lerninhalte. Alle vereint vor allem die Sorge, dass ihre Kinder im G8 unter einem hohen Lerndruck stünden, dem viele nicht gewachsen seien. „Es brennt an allen Ecken und Ende“, kommentiert Ulrike Hartig-Köhler als betroffene Mutter und Mitglied des Schulvorstandes am Felix-Klein-Gymnasiuums (FKG) das G8 und den Doppel-Jahrgang.
Auch die Vorsitzende des Elternrates am FKG, Ines Kettler, beklagt „die allgemein schlechte Vorbereitung des G8 – besonders diese unangemessene Stofffülle“. An erster Stelle aber steht zurz eit die Sorge, dass die Abiturienten aus dem Doppeljahrgang keinen oder nicht den gewünschten Studien- oder Ausbildungsplatz bekommen. „Die Unis begreifen erst langsam, was da auf sie zukommt“, vermutet Hartig-Köhler. Auch weil enge Fächer voraussichtlich mit einem sehr hohen Numerus Clausus versehen werden, würden viele Abiturienten unter einem enormen Druck stehen. Dabei sei die G8-Gruppe im Doppel-Jahrgang von Beginn an benachteiligt und „mehrfach angemeiert“: Weil sie die fünfte Klasse noch in der alten OS besucht haben, fehle ihnen ein Schuljahr bei der komprimierten Vorbereitung auf das Abitur. Nach der Reform habe es lange keine geeigneten Schulbücher zu den neuen Curricula mit verschobenen Lerninhalten gegeben. Oft hätten die Kinder Texte aus einem höheren Jahrgang bekommen, die sie nur schwer erfassen konnten. Als Elternvertreterin bezweifelt Hartig-Köhler, dass die G8-Schüler die gleichen Prüfungschancen haben wie die G9-Gruppe. Die zusätzlichen Förderstunden zum Übergang in die gemeinsame Oberstufe seien meist von Studenten gegeben worden „und haben nichts gebracht“. Verärgert sind Eltern (und Schüler) auch, weil ausgerechnet der Doppel-Jahrgang vor den Abi-Prüfungen weniger Zeit zum intensiven L ernen hat. In den Vorjahren lag der letzte normale Schultag des letzten Kurs-Halbjahres vor den Osterferien. In den Ferien konnten die Schüler in Ruhe für die Prüfungen danach pauken. 2011 liegen Ostern und die Frühjahrsferien so spät, dass danach keine Zeit für alle Prüfungen plus Korrekturen bleibt. Folge: Der reguläre Unterricht endet am 21. März, die ersten Abi-Klausuren werden schon eine Woche später geschrieben. Die Eltern hatten sich für ein Unterrichtsende am 14. März eingesetzt – aber vergeblich. Kettler beklagt zudem , dass der Druck auch für die jüngeren G8-Schüler anhalte. Um den Lernstoff zu schaffen, müssten viele Kinder Hobbies und Sportaktivitäten aufgeben. Die Eltern fordern, dass die Lerninhalte spürbar entrümpelt werden.